Kultur & Wirtschaft

AUF DEN SPUREN VON KUNST & KULTUR -

EIN GESCHICHTLICHER STREIFZUG DURCH WAIDMANNSFELD UND NEUSIEDL

 

Obwohl der Ortsname Waidmannsfeld fränkischen Ursprungs sein dürfte, wird angenommen, dass katholische Bauern aus dem Gebiet von Puchberg kommend, in unserer Gegend sesshaft wurden. Wahrscheinlich gehörte Waidmannsfeld in seinen Ursprüngen zur Herrschaft Stolzenwörth und lange Zeit zum Herzogtum Steiermark. Erst ab 1379 kamen die Waidmannsfelder endgültig zu Österreich. Es gibt Quellen, die berichten, dass Waidmannsfeld einen Freibrief aus dem Jahre 1111 besessen hätte und dass Neusiedl bereits im Jahre 1120 als Nachbarort Gutensteins erwähnt wurde.

 

 

Die Kirche von Waidmannsfeld wurde im 12. Jahrhundert auf dem Kirchenberg erbaut und in Erinnerung an ein altes legendäres Marienbild der „Maria Himmelfahrt“ geweiht. Das in majestätischer Einsamkeit hoch in den Himmel ragende Gotteshaus überstand in den kommenden Jahrhunderten ein wechselvolles Geschick, das auch den Menschen im Dorf ein bescheidenes Leben auferlegte. Die Filialkirche in Scheuchenstein wurde 1342 gegen eine Entschädigung von zwei Bauernhöfen samt ihren Robot- und Zehentleistungen und jährlich zwei Pfund Wachs zur selbständigen Pfarre erklärt. 1844 konnte sich die Waidmannsfelder Bevölkerung über ein neu gestaltetes Gotteshaus mit Turm und Orgel freuen.1997 wurde das schöne Wahrzeichen von Waidmannsfeld neuerlich renoviert und der Kirchturm erhöht. Die Waidmannsfelder Pfarrkirche strahlt seither in neuem Glanz und thront anmutig und erhaben zugleich auf dem Kirchenberg über dem Dorf.

Neusiedl liegt inmitten von grünen Wiesen und waldigen Höhen am Fuße der kurvigen Ochsenheidstraße und breitet sich in einer weitreichenden Beckenlandschaft bis zum Ufer der Piesting aus. Auch im Herzen von Neusiedl gibt es eine eigene Andachtsstätte, eine kleine Kapelle am Dorfanger, die im Jahre 1886 erbaut und von den Bauern durch den Verkauf eines Steinbruchs finanziert wurde. Diese malerische Kapelle unter den Linden wurde einige Male renoviert, wieder neu aufgebaut und ist zurecht der ganze Stolz der Bevölkerung. In einer wirtschaftlich sehr schwierigen Zeit, in den Jahren vor dem 2. Weltkrieg wurde am Fuß des Kitzbergs für die Arbeiter eine Kirche erbaut, die Marienkirche. Mit den schönen Kreuzwegbildern und der Marienstatue im Inneren des Gottteshauses bietet sie eine würdige Andachtsstätte für Katholiken und Protestanten. Die gemeinsame Geschichte unserer beiden Orte erzählt unser gemeinsames Schicksal. Das Wissen darüber soll das Verständnis und die Liebe zu unserer Heimat vertiefen.

INDUSTRIESTANDORT ORTMANN

Wasserkraft und Wald waren die Grundlagen für Industriegründungen im 19. Jahrhundert. 1866 erwarb Ignaz Ortmann die ehemalige Sägemühle und Schwertfabrik in der Quarb und gründete eine Kunstwollfabrik, eine Spinnerei und Deckenweberei. Durch die Eröffnung der Eisenbahnlinie nach Gutenstein nahm das Unternehmen einen gewaltigen Aufschwung und wurde zum Haupterwerbszweig für viele Bewohner des Tales. Nach dem Kauf des Werkes durch Julius Bunzl 1888 erfolgte eine Modernisierung der Kunstwollerzeugung, viele Facharbeiter wanderten aus Mähren und Schlesien zu und fanden in Ortmann ihre neue Heimat.

 

 

Das Dorf Ortmann und für die damalige Zeit vorbildliche soziale Einrichtungen für die Arbeiter und ihre Familien entstanden unter Firmenchef Hugo Bunzl. Bereits vor 100 Jahren, als das Wort Recycling noch unbekannt war, stellte man in Ortmann schon Reißwolle und Baumwollwatte aus Alttextilien her. Der Zigarettenfilter trat von hier aus seinen Siegeszug an und bunte Seiden- und Kreppapiere für die farbenfrohen Feste des Jahreslaufes gingen um die ganze Welt. (Quelle: Hiltraud Ast „Die Ortmanner, ein Industrievolk auf dem Lande“, 1992). In Arbeiterkreisen wurde immer erzählt, daß mit einem Wagon Kreppapier der Wochenlohn für alle Arbeiter des Betriebes finanziert werden könnte. Nach dem 2. Weltkrieg wurden moderne Papiermaschinen am Piestingfluss installiert, die Technik in der Papiererzeugung machte revolutionäre Fortschritte und seit den 70er Jahren wurden aus den Papierarbeitern Techniker und aus unseren Ingenieuren innovative Erfinder und Wegbereiter für die Weltmarken „Feh“ und „Danke“.

 

Nach der Übernahme des Werkes durch die Laakirchen AG erfolgten weitere Schritte zu einer Modernisierung und Spezialisierung der Papiererzeugung. Seit 10 Jahren sorgt eine moderne biologische Kläranlage mit hochqualifiziertem Personal für die Entsorgung der Abwässer der Papierfabrik und der Gemeinden, seither ist die Wassergüte der Piesting wieder hervorragend und zur Freude der Fischer sind auch die Forellen in den Fluss zurückgekehrt.

 
Mit der Installierung der PM IV im Jahre 1992 hat die SCA, als Eigentümerin des Betriebes, ihren großen Beitrag zur Erhaltung des Standortes geleistet. Bedingt durch Gewicht und Größe des Zylinders der damals breitesten Tissue-Maschine der Welt, und die Enge unseres Tales, war der Transport dieses Maschinenteils von Gibraltar bis zu uns eine abenteuerliche Geschichte, die nur mit viel Elan aller Beteiligten bewältigt werden konnte. Toilettröllchen und Servietten sind die Spezialprodukte unserer Erzeugung, der weite Transportweg zu den Exportmärkten unserer Produkte muß durch Qualität, Ausstoß und Erzeugungskosten kompensiert werden. Bestqualifiziertes Personal in der Führungsebene, im Marketing und der Produktion sorgen dafür. Es ist Aufgabe der Standortgemeinden an der Verbesserung einer dazu erforderlichen Infrastruktur mitzuarbeiten.

 
Nach wie vor ist die heutige SCA Hygiene Products GmbH der größte Industriebetrieb des Bezirkes Wiener Neustadt und die Lebensgrundlage für viele Familien in unserem Tal.

 

ARCHITEKT JOSEF FRANK UND SEINE BAUTEN
Josef Frank wurde 1885 in Baden geboren, er studierte in Wien und seine frühen Bauten stammen aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Er war auf der Suche nach einem Wandel der Architektur der Wiener Tradition. Seine Vorstellungen waren, „Bauwerke neuen Verhältnissen anzupassen und sie gleichzeitig von ihren historischen und nationalen Eigenheiten zu befreien!“

 

 

In der Zeit zwischen den Weltkriegen entstanden in Ortmann Arbeiter-Wohnhäuser, ein Kinderheim und Villen für die Firmenbesitzer, Bauwerke die zum Teil auch heute noch bestehen und bewohnt sind. Auch unser Kindergarten ist ein Josef-Frank-Bau, der nach Übernahme durch die Gemeinde stilgetreu renoviert wurde und heute rund 90 Kindern für die ersten Schritte aus dem Elternhaus die anheimelnde Gemütlichkeit eines alten Hauses mit modernem Interieur anbietet.
Unser schönster Josef-Frank-Bau ist sicher die Gästevilla auf dem Kitzberg, die vor einigen Jahren renoviert wurde, die sich sehr harmonisch in die schöne Landschaft einfügt und den Stil des bekannten Architekten der Wiener Schule aus den 30er Jahren sehr eindrucksvoll zur Schau stellt.